Website-Icon Weltendieb

Auf den zweiten Blick: Das frühe solare Imperium

Wenn ich mich kurz vorstellen darf, mein Name ist Oliver, begeisterter Altleser der Perry Rhodan Serie. Als ich einen Podcast über die frühe PR-Serie fand, stürzte ich mich hinein und fand, dass die Autoren der ersten Stunde nicht so verstanden wurden, wie ich sie damals verstand. In meinen Augen war ihre Zukunftsvision weit weniger und anders von den Umständen der Entstehungszeit der Romane geprägt, als sie dargestellt wurden. Ich sah in ihrer Zukunftsvision eine Welt, die sich aus den Gegebenheiten der Serie ableiten ließ und deswegen anders als unsere heutige Zeit, aber eben auch keine einfache Übertragung der Verhältnisse der 1960er, wo die Podcaster es so sahen. Deswegen möchte ich meine Sicht vorstellen. Ich hoffe, den geneigten Leser zu einer Reise von den Voraussetzungen zu einer Zukunft in seinen eigenen Schlussfolgerungen und Sichtweisen einzuladen.

Das frühe Solare Imperium – Voraussetzungen

Ich halte es für unmöglich, die Zukunft vorauszusagen. Wer das anders sieht, denkt sich bitte 25 Jahre ins Jahr 1999 zurück und sagt die Gegenwart vorher. Es gibt einfach zu viele wichtige Möglichkeiten, die jede für sich eine geringe Wahrscheinlichkeit haben, aber so zahlreich sind, dass die Möglichkeit, dass keine davon eintrete, so unwahrscheinlich wird, dass man davon ausgehen muss, dass sie nicht eintreten wird. Erzählungen spielen nicht in einem zusammenhanglosen Raum (luftleer kann man bei PR nicht sagen). Mit einem SF-Roman bekommt man, mittelbar oder unmittelbar, einen Zukunftsentwurf mit. Ob dieser wahrscheinlich ist, kann man als sinnvolle Frage nicht stellen. Keine Welt ist an sich wahrscheinlich, weil eben wahrscheinlich unwahrscheinliche Ereignisse geschehen. Man kann aber fragen, ob der Zukunftsentwurf in sich folgerichtig ist. Auch das Perryversum ist verzweifelt unwahrscheinlich:

Wir können also nur schauen, ob sich aus den technischen, sozialen und historischen Ereignissen, die wir sehen, nachvollziehbare Folgen ergeben. Um ein kleines Beispiel zu geben: Hypnoschulungen vermitteln Wissen um Größenordnungen schneller als Vorlesungen, Schulungen oder Bücher. Wer mit Hypnoschulungen ausbildet, bildet schneller aus. Genau das ist im Perryversum der Fall. Band 50 – “Der Einsame der Zeit” – K.H. Scheer sagt es uns.

Nun ist die Perry Rhodan Serie im Wesentlichen aus der Sicht der Regierung, Streitkräfte und Sicherheitsorgane geschrieben. Woher bekommen wir also Informationen über das normale Leben? Es bieten sich zwei Quellen an. Einmal die Bände, die Ausnahmen sind, also als Hauptpersonen Zivilisten haben und die Bände nach einem Zeitsprung, wo die Autoren die Leser in die veränderte Welt einführen mussten. Beides verbindet sich in dem Band, der Atlan einführt. Auch die Kolonistenabenteuer sind aufschlussreich. Als Aufzählung: 

Wann beginnt und wann endet das frühe Solare Imperium? Es begann zwischen Band 49 und 50 im Jahre 1990, schlicht, weil es 1990 offiziell gegründet wurde. Wann aber endet es? Ich werde hier das Ende des Robotregenten als Schlusspunkt wählen, weil der Robotregent, wie ich im Laufe dieses Beitrages ausführen werde, der prägende Faktor jener Periode war.

Die Grundfrage

Sind die Bürgerinnen und Bürger des Solaren Imperiums wie wir? Teilen sie unsere Wertvorstellungen? Immerhin gehören wir derselben Art an, haben hoch entwickelte Technologien und halten uns selbst für fortgeschritten und zivilisiert.

Das bringt zwei Fragestellungen mit sich. Wer sind wir? Angesichts des Ursprungs der Serie muss man davon ausgehen, dass die meisten Leser aus Europa stammen.
Das ist im Solaren Imperium natürlich nicht so. Auch heute unterscheiden sich Wertvorstellungen in unterschiedlichen Teilen der Welt. Wir finden im Weltvergleich extremen Individualismus in Nordamerika und in geringerem Maße in Europa. Die Ansichten über den angemessenen Platz der Religion in Europa und Ostasien unterscheiden sich stark von denen im Nahen Osten und Afrika. Bestehen solche Unterschiede im Solaren Imperium fort? Wenn ja, wie lange? Dazu möchte ich zwei Indizienketten heranziehen; Namen und politische Parteien. Als Atlan sich eine gefälschte Identität zulegt, wählt er nach seinem Aussehen einen skandinavischen Namen. Im Allgemeinen kann man zu jener Zeit  aus dem Namen einer Romanfigur auf ihre Herkunft schließen. Einige Jahrzehnte später geht das oft nicht mehr. Woher stammt Brazo Alker? Die Traditionen halten sich aber in einigen Fällen noch Jahrhunderte. Don Redhorse ist Nachfahre nordamerikanischer Ureinwohner. Dr. Hong Kao, Mathelogiker der CREST, trägt einen chinesischen Namen und verwendet die asiatische Konvention, den Familienname zuerst zu nennen.

Bezüglich der Politik erfahren wir in Band 89 – “Guckys große Stunde” – Kurt Brand, dass sich große Gruppen im Solaren Parlament als Interessengruppen ihrer Heimatregionen empfinden und sich klar als solche benennen. Ich sehe nicht, wie sich das erklären lässt, ohne dass regionale Unterschiede der Wertvorstellungen zumindest in Teilen der Bevölkerung weiter bestehen. Daraus ergibt sich, dass sich solche Wertvorstellungen in den Romanen widerspiegeln sollten. Gibt es darüber hinaus eine gemeinsame terranische Kultur, deren Wertvorstellungen Teile der terranischen Bevölkerung widerspiegeln? Ich gehe davon aus, vermag es aber nicht mit Sicherheit zu sagen. Gibt es sie jedoch, so kann sie gerade nicht auf der Kultur und den Wertvorstellungen nur eines Erdteils gründen. Das gilt auch für Europa und den Westen im Allgemeinen.

Woraus ergeben sich Werte? Aus Geschichte und den Umständen. Waren die Jäger und Sammler, die ihre Alten zurückließen, böse, um ein extremes Beispiel zu nennen?

Auch unsere Werte, wie zum Beispiel unsere Einstellung zu politischen Fragen, ergeben sich aus den Umständen. Ohne die Atombombeneinsätze auf Hiroshima und Nagasaki wäre unter anderem die Friedensbewegung kleiner. Wie sieht es im Perryversum aus? Neben den wirtschaftlichen Verhältnissen prägen uns die Ereignisse, die sich aus politischen und militärischen Entwicklungen ergeben. Beginnen wir mit einem Überblick auf die politische Großwetterlage.

Die kosmopolitische Lage

Warum sehe ich das Ende des Robotregenten, der nun mal ja auf Arkon III in über 30 000 Lichtjahren Entfernung stand, als das Ende einer geschichtlichen Periode Terras?

Das frühe Solare Imperium stand völlig unter dem Eindruck der Bedrohung durch das Arkonidische Imperium. Dem wurde alles untergeordnet. Sogar die Auswahl der Kolonialplaneten Terras erfolgte so, dass diese Welten so weit weg waren, dass ihre Entdeckung keinen Rückschluss auf die Lage Terras erlauben würde. Die Erde versteckte sich. Was bedeutet das? Da müssen wir uns ansehen, wie sich die Erde verraten könnte.

All diese Aktivitäten stehen aber im Zusammenhang mit der arkonidischen Hypertechnik. Die solaren Positronikfreaks, die unseren Computerfreaks gleich in der Garage ihrer Eltern mit Hypertechnik herumspielten, gab es nicht.

Wir sehen das auch. Was macht Atlan, als er frisch aufgeweckt an ein Raumschiff oder einen Hypersender herankommen will? Zieht er nach Terrania und bewirbt sich bei Raumfahrttechnikunternehmen? Nein. Um nach Terrania zu ziehen, braucht er eine amtliche Genehmigung, wird vom Inlandsgeheimdienst durchleuchtet und bewirbt sich bei der Regierung. Das Solare Imperium ist nach unseren heutigen Maßstäben ein Polizeistaat. Man kann das bedauern, aber wenn es ums Überleben geht, tue ich, wie die meisten Menschen, was nötig ist. Das Solare Imperium hat einen vernünftigen Grund, so zu handeln.

Band 88 – “Der Fall Kolumbus” – K.H. Scheer ist ähnlich aufschlussreich. Die Handelsraumfahrer sind Veteranen der Flotte. Jemand anderem will man die Positionsdaten der Erde oder einen Hypersender nicht anvertrauen.

Das wirkt lange nach. Lesen wir Band 101 – “Der Weltraum-Tramp” – Clark Darlton. Darin bekommt ein privater Kapitän einfach so, ohne Nachfrage seinerseits, eine „Aufforderung“ vonseiten des Militärs, sich zur Umschulung auf Linearantrieb einzufinden. Die Regierung wusste folglich, dass dieser Bürger ein Raumschiff kommandierte. Nur war es aber nicht so, dass einfach nur der Beruf jedes Bürgers den Behörden bekannt ist, wie bei uns im Grunde auch, oder es ein Zentralregister der Raumfahrer gibt, so wie die Behörden der meisten westlichen Länder eine Liste der Inhaber eines Pilotenscheines haben. Dieser Kommandant wurde wegen seiner persönlichen Eignung kontaktiert. Offenkundig bedeutet dies, dass die Regierung Einzelheiten über die Eignung und Eigenschaften eines Privatmannes speicherte. Noch dazu war für die Umschulung von Privatpersonen ein Oberst der Solaren Flotte zuständig. Es gab keine klare Trennung zwischen zivilen und militärischen Behörden. Niemand beschwert sich, jedenfalls nicht darüber. Das Solare Imperium ist eben nicht, was man heute eine „postheroische Gesellschaft“, in der Opferbereitschaft und Heldenmut nicht mehr zu den förderungswürdigen Tugenden zählen, nennt. Ganz im Gegenteil; für die galaktische Position der Erde lohnte es sich zu sterben. Das lässt sich eben nicht einfach auf die Rückständigkeit der Entstehungszeit der Hefte zurückführen. Auch 1962 brauchte man keine staatliche Genehmigung, um umziehen zu dürfen. Es folgt logisch aus den Sicherheitsbedürfnissen der Erde.

Das Militär

War das Solare Imperium ein Hort üblen Militarismus? Nein, nicht im üblichen Sinne jedenfalls. Die galaktische Position der Erde war die wichtigste Geheimsache. Jemandem, der ein Grund hat, einen Groll gegen den Staat zu hegen, würde ich ihre Geheimhaltungen nicht guten Gewissens überlassen. Dies legt den Schluss nahe, dass alle Flottenangehörigen jener Zeit Freiwillige gewesen sein müssen. 

Rein zahlenmäßig muss die Flotte übrigens sehr klein gewesen sein. Noch zur Zeit von Band 88 – “Der Fall Kolumbus” – K.H. Scheer braucht die Erde Hilfe, um 5000 Kriegsschiffe der Druuf abzuwehren. Die Solare Flotte hatte 2044 nach den Angaben in Band 89 – “Guckys große Stunde” – Kurt Brand 4700 Schiffe. Davon waren nur acht Superschlachtschiffe.  Setzen wir eine durchschnittliche Mannschaftsstärke von 100 Mann an und berücksichtigen nochmal so viel Bodenpersonal, erreichen wir eine Gesamtstärke von ungefähr einer Million. Heute belaufen sich die Mannschaftsstärke des Militärs in Westeuropa auf ungefähr 0,1% bis 0,5% der Bevölkerung. Nach diesen Maßstäben hätte eine vereinte Erde heute Streitkräfte einer Mannschaftsstärke zwischen 8 Millionen und 40 Millionen Menschen.

Aber die Soldaten sind die Elite der Menschheit. Will man andere Welten (außer Ferrol) sehen, muss man in die Flotte eintreten. Spitzentechnologie – Flotte. Kosmobiologie – Flotte. Und so weiter.

Arno Kalup forschte ganz selbstverständlich nicht an einer Universität oder der Forschungsabteilung eines Triebwerkherstellers, sondern im Experimentalkommando der Solaren Flotte.

Das Militär hatte einen zentralen Platz im Gemeinschaftsleben und war aus vielen Bereichen nicht wegzudenken.

Fazit

Das Solare Imperium war ein politisches Gebilde, wie man es heute nicht wirklich findet: Ein Polizeistaat mit freier Presse. Dasselbe gilt meiner Meinung nach aus den Gründen, die ich hoffentlich erklärt habe, auch für seine Bürger. Man sollte nicht erwarten, dass sie sich in manchen Situationen wie heutige Menschen aus irgendeinem Teil der Welt verhalten.

Hätte man dies von den Autoren erwarten sollen? Ich meine: Nein. Gerade die Autoren der 1950er, 1960er und 1970er in der SF wagten wildeste Experimente in Hinblick auf Regierungsformen und Wertvorstellungen. Dies sieht man in “Franchise” (Asimov), wo ein Computer die Regierungsentscheidungen berechnete. “Tunnel in the Sky” und “Starship Troopers” (Heinlein) sind geradezu philosophische Werke über Regierungsformen. Heinlein entwickelte sogar eine eigene politische Philosophie. Dune (Herbert) hat eine Rückentwicklung in den Feudalismus und unterschiedliche Kulturen mit unterschiedlichsten Wertvorstellungen. “Imperial Earth” (Clarke) zeigt einen Alleinherrscher, der sich immer weiter kloniert. Auch hyperliberale Gesellschaftsentwürfe finden sich (Lee Killough). Selbst über den Einfluss weitverbreiteter Paragaben auf die Lebensweise wurde spekuliert (Zimmer-Bradley). Jene Zeit hatte eine ungeheure Vorstellungskraft und keine Berührungsängste zu Regierungsformen jenseits der Demokratie oder jenseits westlicher Wertvorstellungen (heutiger und damaliger). Warum sollte dies bei den frühen PR-Autoren anders gewesen sein?

Ich will damit nicht sagen, dass sie nicht manchmal Opfer ihrer Gegenwart wurden. Humanoide, voll handlungsfähige Roboter einerseits und Lochkarten andererseits sind ein klares Beispiel. Aber eben oft auch nicht.

Die mobile Version verlassen