Den zweiten Teil dieser Reihe zum Throwback-Thursday habe ich mir eigentlich ganz einfach vorgestellt. Trotzdem habe ich meine eigene Deadline jetzt schon zweimal verschoben und trotzdem gebrochen. Wie bekommt man einen Griff an das hormonelle Chaos der Pubertät und der Adoleszenz? Ich werde einfach versuchen, mich auf Methoden zu verlassen, die sich schon im Studium bewährt haben, wenn man eine Hausarbeit schrieb, ohne einen blassen Schimmer vom Thema.
Schritt 1: Über welchen Zeitraum sprechen wir hier eigentlich? Ich hatte immer die Vorstellung, dass die Jugend mit einem Knall beginnt und mit einer Erleuchtung endet. Irgendwann muss einem ja klar sein, dass man kein Kind mehr ist. Ebenso muss es einen Zeitpunkt geben, an dem man feststellt, dass man jetzt ein ernstzunehmender Erwachsener ist. Diese beiden Zeitpunkte sind mir wohl leider entgangen. Ich warte auch heute noch auf meine Urkunde, die mir dieses gewisse Maß an Ernsthaftigkeit bescheinigt. Da ich aber so nicht weiterkomme, werde ich mich einfach auf die Zeit zwischen dem zehnten und zwanzigsten Lebensjahr beschränken. Diese Zeit als Teenager deckt wohl alle Aggregatzustände der Pubertät ab.
Interessanterweise kann man auch Definitionen aus den unterschiedlichsten Nachschlagewerken heranziehen. Diese Definitionen helfen mir nicht und spiegeln nur eingeschränkt die Erinnerungen wider, die ich an meinen eigenen Geisteszustand habe. Ich spare mir, sie hier wiederzugeben, bin aber umso mehr gespannt, wie ihr das einschränken würdet.
Schritt 2: Die limitierenden Faktoren. Als Jugendlicher hat man von nichts genug. Nicht genug Aufmerksamkeit von den Menschen, von denen man sich Aufmerksamkeit wünscht. Nicht genug Mut, die Dinge zu tun, die man gerne tun würde (endlich mal Julia aus der 9b anzusprechen, ob sie Lust hat, ein Eis essen zu gehen). Nicht genug Eloquenz und Durchblick, um seinem sozialen Umfeld verständlich zu machen, was eigentlich das eigene Problem ist. Zu wenig Taschengeld, um die Dinge zu kaufen, die man gerne besitzen möchte. Nicht genug Taschengeld, um die Bücher zu kaufen, die man gern lesen möchte. Nicht genug Freundinnen und Freunde, die auch gerne lesen, um ein soziales Umfeld zu generieren, das die eigenen Interessen widerspiegelt.
Nur zwei Dinge hat man wohl im Überfluss. Man hat zu viel Zeit und man hat zu viel Langeweile.
Schritt 3: Die Bezugsquellen. In der unter Schritt 2 beschriebenen Gemengelage kristallisieren sich nur wenige Bezugsquellen heraus. Ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwo Bücherkisten gab, an denen man kostenlos oder im Tausch gebrauchte Bücher beziehen konnte. Kleinanzeigen gab es nicht oder wurden von mir nicht wahrgenommen. Online-Tauschbörsen auf sozialen Medien gab es nicht, weil niemand online war. Es gab die Stadtbücherei und preisreduzierte Mängelexemplare. Beides bekannt dafür, dass nicht die Nachfrage das Angebot bestimmt.
Eine dritte Bezugsquelle und die eiserne Reserve meiner Jugend war die Bücherkiste meines Vaters. Da ich aber in den neuen Bundesländern aufgewachsen bin und mein Vater Jahrgang 1959 war, bestand diese aus DDR-Systemliteratur, Robinsons billigen Büchern und Westernalben (hier paraphrasiere ich vielleicht, das passt mir aber ganz gut in den Kram).
Schritt 4: Die Lektüre. Die eindrücklichsten Leseerlebnisse hatte ich wohl mit vier Büchern bzw. Reihen.
Das Mängelexemplar. Ich habe mir im örtlichen Supermarkt, zu einem nicht mehr nachvollziehbaren Zeitpunkt, ein preisreduziertes Mängelexemplar von Mark Brandis zugelegt. Die Weltraumpartisanen waren meine Dritte Macht. Ich hatte keine Ahnung, dass es sich um eine Reihe handelte, es war aber ein echter Augenöffner. Der Samstagabend im Winter bestand aus einer Doppelfolge Star Trek: The Next Generation gefolgt von Mark Brandis: Aufstand der Roboter. Am Ende war die Omnibus-Ausgabe so zerlesen, dass sie nur noch von einem Gummiband zusammengehalten wurde.
Mein Herr der Ringe. In Sachen Fantasy war Bernhard Hennen mein Tolkien. Ich habe mir Die Elfen von meiner Schwester ausgeliehen und später die ganze Reihe gelesen. Mit Mandred durch das Fjördland zu reisen, die Albenkinder zu treffen und die Touret-Kirche zu bekämpfen, waren in diesem Genre für mich die größten Abenteuer. Die zweite Trilogie, rund um die Ordensritter, habe ich mir von meinem eigenen Taschengeld gekauft. Als sich das Ende dieser drei Romane vollständig in den Auftaktroman der ersten Trilogie einbettete, ist mir der Kopf geplatzt. In meinen Erinnerungen lief „Where is my Mind“ von den Pixies und am Ende war es krasser als das Finale von Fight Club.
Mein erster Antikriegsroman. Das städtische Gymnasium, das mich und meine Schwester acht Jahre lang gequält hat, behielt sich die fiesesten Foltermethoden für die Klassenstufen 11 und 12 auf. Der Literaturkanon, den sich alte weiße Männer im Kultusministerium ausgedacht haben, um einen letzten fatalen Angriff zu führen. Ziel muss es gewesen sein, die Lust zu lesen im Keim zu ersticken. Trommelfeuer aus Gedichtanalysen, Textinterpretationen und Reimstrukturen, haben die Abiturjahrgänge 2008 und 2009 sturmreif geschossen. Als diese Artillerievorbereitung stoppte und die wenigen übrig gebliebenen Recken ihren Kopf hinter der Deckung wieder hoben, sahen wir am Horizont die schwersten Kaliber zum Sturm angetreten. Der Steppenwolf. Woycek. Der Untertan. Wer diese schweren Stunden überlebte und die Versetzung in die zwölfte Klasse wie einen Orden an der Brust trug, durfte sich mit lesenswerten Büchern beschäftigen. Die Verwandlung. Unterm Rad. Schachnovelle. Im Westen nichts Neues.
Erich Maria Remarques Roman über den Lebensweg des jungen Paul Bäumer hat mich nachhaltig beeindruckt. Doch meinen Antikriegsroman fand ich in besagter Bücherkiste meines Vaters: Die Abenteuer des Werner Holt von Dieter Noll. Noch deutlicher und unmittelbarer war hier das Grauen des Krieges erzählt. Da der Roman die Jugend von Werner Holt erzählt, entwickelt er sich von einem Abenteuerroman zu einem Antikriegsroman. Hier muss erwähnt bleiben, dass dieser Roman Jugendliteratur der DDR war und auch zur Pflichtlektüre gehörte. Diese Geschichte wurde aus politischen Gründen erzählt, was immer einen Schatten auf Bücher wirft. Trotzdem ist ein bleibender Eindruck zurückgeblieben. Es hat mich gefreut, als ich entdeckte, dass der Aufbau-Verlag den Roman neu aufgelegt hat.
Alles Weitere spare ich mir für den dritten Teil dieser Reihe auf. Denn nächste Woche möchte ich mich mit dem Lesen als Erwachsener beschäftigen. Doch erlaubt mir noch einen Gedanken zum Abschluss. Im Rückblick muss ich feststellen, dass ich sehr privilegiert aufgewachsen bin. Damals nahm ich das als selbstverständlich an und war in pubertärer Manier genervt davon. Heute weiß ich aus Gesprächen mit meiner Frau, mit Freunden und anderen Eltern, dass es auch andere Biographien gibt. Ich musste nie rechtfertigen, warum mir das Lesen wichtig ist, es war immer ein Teil meines Lebens. Ich musste nie bei meinen Eltern um Anerkennung dieses Hobbys kämpfen. Ich war nie auf der Such nach Repräsentation, da ich als junger heterosexueller Mann in allem repräsentiert war. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, konnte ich Eltern fragen, die in der Lage waren, mir Dinge zu erklären. Meine Lehrerinnen und Lehrer waren sich bewusst, dass sie uns mit dem, was wir in der Schule lesen „mussten“, quälen. Sie waren immer bemüht, uns eine andere Perspektive zu bieten und einen Zugang zu Texten zu erschließen. Dabei waren sie verständnisvoll und kompromissbereit. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir ein, was dazu zu sagen ist. Dieser Beitrag ist schon wieder viel zu lang, deswegen höre ich jetzt einfach auf. Bis zum nächsten Mal.
