Der Donnerstag soll in unserem Blog zum Throwback-Thursday werden. Eine Möglichkeit, zurückzublicken und Erinnerungen in neuen Kontext zu stellen. Für die ersten drei Beiträge habe ich mir vorgenommen, die einzelnen Episoden meiner Leserbiografie Revue passieren zu lassen.
Dieses Mal möchte ich mich mit dem Thema Lesen als Kind auseinandersetzen. Doch dabei stolpert das Thema bereits im Ansatz über die eigenen Füße. Denn der größte Teil der Kindheit vergeht ohne die Fähigkeit zu lesen. An die Stelle der eigenen Lektüre treten Erinnerungen an Bücher, die vorgelesen werden, oder das lesende (oder eben nicht lesende) soziale Umfeld. In meinem Fall, darf ich vom glücklichen Fall berichten, dass meine ältere Schwester und ich in einem lesenden Umfeld aufgewachsen sind. Unsere Mutter hat Stephen King Romane verschlungen und unser Vater, an den ich mich nicht lesend erinnern kann, hatte eine recht umfangreiche Sammlung, die nahelegt, dass auch er viel gelesen hat.
Die schönsten und einprägsamsten Erinnerungen habe ich dabei aber an unsere Großmutter. Lange Autofahrten in gemeinsame Urlaube hat sie uns (in meiner Wahrnehmung immer) mit dem Vorlesen von Kinderbüchern vertrieben. Ohne die Zeit aufzuwenden, um diese Kinderbücher einzuordnen, erinnere ich mich an die Abenteuer von Ottokar Domma oder Alfons Zitterbacke.
Die Begleitumstände, mit einer großen Schwester aufgewachsen zu sein, sind recht offensichtlich. Meine Schwester konnte vor mir lesen und durfte natürlich immer viel mehr als ich selbst (ja – hier wird sich meine subjektive Erinnerung von der Realität unterscheiden). So war es auch meine Schwester, die entweder zu ihrem Geburtstag oder zum Weihnachtsfest eine Ausgabe von „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien geschenkt bekam. Obwohl ich mich erinnern kann, eigene Versuche gestartet zu haben, um das Buch zu lesen, kann ich mich auch erinnern, an der „komplexeren“ Sprache gescheitert zu sein. Ich bin leider nicht in der Lage, einzugrenzen, wie alt ich oder meine Schwester in diesem Jahr waren, nagelt mich bitte nicht auf dieses Thema fest. Trotz aller Rivalitäten und Reibereien, die es natürlich zwischen Geschwistern gibt und geben muss, hat sich meine Schwester erbarmt und mir immer wieder Passagen vorgelesen.
So kann ich mich an Passagen erinnern, die vom Einzug nach Edoras berichteten, wie Gandalf mit Pippin nach Minas Tirith ritt oder Frodo und Sam die Treppe nach Cirith Ungol bestiegen. Zwar muss sich dies über Wochen oder Monate hingezogen haben, trotzdem sehe ich uns im sonnigen elterlichen Wohnzimmer auf blauen Ledermöbeln sitzen und gemeinsam Mittelerde entdecken. Das ist wohl die schönste Erinnerung, die ich an unsere Kindheit besitze, auch wenn ich mir sicher bin, dass ich sie verkläre. (Danke, große Schwester – du bist der Hammer)
Das zweite größere Problem des Lesens in der Kindheit ist der Übergang zum Lesen als Jugendlicher. Denn in der eigenen Erinnerung verschwimmt die Grenze. Man feiert keinen Jahrestag oder bekommt eine Urkunde zum elften Geburtstag, die einem feierlich das Prädikat „pubertierendes menschenähnliches Wesen“ verleiht. Da ich Anfang der 90er Jahre zur Welt kam, mag es niemanden verwundern, dass die Harry Potter-Reihe und ihr Hype im Zuge der Kinofilme diesen Übergang begleitet haben. Ich meine mich zu erinnern, dass wir diese Bücher immer als gemeinsame Geschenke erhalten haben und dass auch diese Bücher zum Teil und meist abwechselnd einander vorgelesen wurden. Da Autofahrten in Kindheit und Jugend aber immer unfassbar lang und langweilig waren, bilde ich mir ein, dass diese Hardcoverausgaben aus dem Carlsen Verlag ständige Wegbegleiter waren.
Ob mich diese Erinnerung nachhaltig zur Leseratte gemacht hat, weiß ich nicht zu beurteilen. Trotzdem sind es wundervolle Erinnerungen, die im Rückblick einen wesentlichen Teil zur emotionalen Bindung an meine Schwester ausmachen, die auch heute noch besteht.
Zum Schluss will ich noch die Perspektive wechseln. Denn heute habe ich das Privileg, mich selbst Vater nennen zu dürfen. In der elterlichen Erziehung wird es früher oder später natürlich auch zum Thema, die eigene Leidenschaft an die Kinder weiterzugeben. Das ist leicht gesagt, aber ziemlich schwer umzusetzen. Gemeinsam mit meiner Frau kam es zu langen Planungen und sinistren Plänen. Aber wenn ihr hier eine Lösung erwartet, die allgemeingültig ist, muss ich euch enttäuschen.
Zwar können wir von einem Erfolg berichten, denn unser ältester Sohn liest ebenfalls gern und stellenweise erschreckend viel, doch wie ich nicht weiß, ob es wirklich mit unseren Versuchen zu tun hat, dass es dazu kam. Unsere Versuche
- Das Lesen normalisieren. Wir haben immer versucht, mit „gutem“ Beispiel voranzugehen. Im Familienleben sind Bücher für uns allgegenwärtig. Wir selbst lesen und versuchen, es so zu machen, dass es unsere Kinder wahrnehmen. Wir hoffen, damit zu vermitteln, dass das Lesen an sich zum Tagesablauf gehört und ebenso wie Fernsehen oder Videospiele eine Auszeit sind, ein Moment der Ruhe und Einkehr.
- Bücher gehören zum Lebensraum. Das klingt ein wenig seltsam, hat sich aber bewiesen. Bücher haben in unserem Haus einen Platz. Wir haben einen Raum eingerichtet, der nur aus Bücherregalen und bequemen Sitzmöbeln besteht. Es ist vielleicht ein wenig vermessen, trotzdem nennen wir den Raum Bibliothek. Dort gibt es keinen Fernseher oder einen Computer, dort geht man schmökern.
- Es gibt keine Lesepolizei. Obwohl wir versuchen diese obskure Tätigkeit „Lesen“ in den Tagesablauf der Kinder zu implementieren, wollen wir nicht vorschreiben was oder wie man liest. Wenn wir uns im Buchladen umschauen, stellen wir häufig fest, dass das empfohlene Alter für Bücher und die Interessen unserer Kinder oft nicht übereinstimmt. Ebenso wie es erlaubt sein muss Bücher zu lesen oder anzuschauen, die vielleicht noch „zu erwachsen“ sind, muss es auch erlaubt sein Bücher wegzulegen.
Um es noch einmal zu betonen: Dies ist kein einfaches Vorhaben und sicher keine allgemein gültige Lösung. Doch hat es bei uns funktioniert. Ich freue mich über eure Gedanken zum Thema und lade euch ein, sie mit uns in den Kommentaren zu teilen oder uns eine E-Mail an Info@weltendieb.com zu schicken.
