Wenn ich mich kurz vorstellen darf, mein Name ist Oliver, begeisterter Altleser der Perry Rhodan Serie. Als ich einen Podcast über die frühe PR-Serie fand, stürzte ich mich hinein und fand, dass die Autoren der ersten Stunde nicht so verstanden wurden, wie ich sie damals verstand. In meinen Augen war ihre Zukunftsvision weit weniger und anders von den Umständen der Entstehungszeit der Romane geprägt, als sie dargestellt wurden. Ich sah in ihrer Zukunftsvision eine Welt, die sich aus den Gegebenheiten der Serie ableiten ließ und deswegen anders als unsere heutige Zeit, aber eben auch keine einfache Übertragung der Verhältnisse der 1960er, wo die Podcaster es so sahen. Deswegen möchte ich meine Sicht vorstellen. Ich hoffe, den geneigten Leser zu einer Reise von den Voraussetzungen zu einer Zukunft in seinen eigenen Schlussfolgerungen und Sichtweisen einzuladen.

Das frühe Solare Imperium – Voraussetzungen
Ich halte es für unmöglich, die Zukunft vorauszusagen. Wer das anders sieht, denkt sich bitte 25 Jahre ins Jahr 1999 zurück und sagt die Gegenwart vorher. Es gibt einfach zu viele wichtige Möglichkeiten, die jede für sich eine geringe Wahrscheinlichkeit haben, aber so zahlreich sind, dass die Möglichkeit, dass keine davon eintrete, so unwahrscheinlich wird, dass man davon ausgehen muss, dass sie nicht eintreten wird. Erzählungen spielen nicht in einem zusammenhanglosen Raum (luftleer kann man bei PR nicht sagen). Mit einem SF-Roman bekommt man, mittelbar oder unmittelbar, einen Zukunftsentwurf mit. Ob dieser wahrscheinlich ist, kann man als sinnvolle Frage nicht stellen. Keine Welt ist an sich wahrscheinlich, weil eben wahrscheinlich unwahrscheinliche Ereignisse geschehen. Man kann aber fragen, ob der Zukunftsentwurf in sich folgerichtig ist. Auch das Perryversum ist verzweifelt unwahrscheinlich:
- Ein Arkonidenkreuzer erleidet einen Maschinenschaden, ausgerechnet im Solsystem und erreicht den Mond.
- Sein automatischer Notruf erreicht nur eine Basis, welche die Fantanleute erobert haben
- Die Topsider verrechnen sich, sodass sie im Wegasystem herauskommen
Wir können also nur schauen, ob sich aus den technischen, sozialen und historischen Ereignissen, die wir sehen, nachvollziehbare Folgen ergeben. Um ein kleines Beispiel zu geben: Hypnoschulungen vermitteln Wissen um Größenordnungen schneller als Vorlesungen, Schulungen oder Bücher. Wer mit Hypnoschulungen ausbildet, bildet schneller aus. Genau das ist im Perryversum der Fall. Band 50 – “Der Einsame der Zeit” – K.H. Scheer sagt es uns.
Nun ist die Perry Rhodan Serie im Wesentlichen aus der Sicht der Regierung, Streitkräfte und Sicherheitsorgane geschrieben. Woher bekommen wir also Informationen über das normale Leben? Es bieten sich zwei Quellen an. Einmal die Bände, die Ausnahmen sind, also als Hauptpersonen Zivilisten haben und die Bände nach einem Zeitsprung, wo die Autoren die Leser in die veränderte Welt einführen mussten. Beides verbindet sich in dem Band, der Atlan einführt. Auch die Kolonistenabenteuer sind aufschlussreich. Als Aufzählung:
- Band 50 – Der Einsame der Zeit – K.H. Scheer
- Band 57 – Die Attentäter – Kurt Mahr
- Band 62 – Die blauen Zwerge – Kurt Mahr
- Band 66 – Wächter der Verbannten – Kurt Mahr
- Band 72 – Die Gesandten von Aurigel – Kurt Mahr
- Band 73 – Die drei Deserteure – Kurt Mahr
- Band 74 – Das Grauen – William Voltz
- Band 87 – Die Schläfer der ISC – William Voltz
- Band 88 – Der Fall Kolumbus – K.H. Scheer
- Band 100 – Der Zielstern – K.H. Scheer
- Band 101 – Der Weltraum-Tramp – Clark Darlton
- Band 104 – Nur ein Greenhorn – William Voltz
- Band 111 – Unter falscher Flagge – Clark Darlton
Wann beginnt und wann endet das frühe Solare Imperium? Es begann zwischen Band 49 und 50 im Jahre 1990, schlicht, weil es 1990 offiziell gegründet wurde. Wann aber endet es? Ich werde hier das Ende des Robotregenten als Schlusspunkt wählen, weil der Robotregent, wie ich im Laufe dieses Beitrages ausführen werde, der prägende Faktor jener Periode war.

Die Grundfrage
Sind die Bürgerinnen und Bürger des Solaren Imperiums wie wir? Teilen sie unsere Wertvorstellungen? Immerhin gehören wir derselben Art an, haben hoch entwickelte Technologien und halten uns selbst für fortgeschritten und zivilisiert.
Das bringt zwei Fragestellungen mit sich. Wer sind wir? Angesichts des Ursprungs der Serie muss man davon ausgehen, dass die meisten Leser aus Europa stammen.
Das ist im Solaren Imperium natürlich nicht so. Auch heute unterscheiden sich Wertvorstellungen in unterschiedlichen Teilen der Welt. Wir finden im Weltvergleich extremen Individualismus in Nordamerika und in geringerem Maße in Europa. Die Ansichten über den angemessenen Platz der Religion in Europa und Ostasien unterscheiden sich stark von denen im Nahen Osten und Afrika. Bestehen solche Unterschiede im Solaren Imperium fort? Wenn ja, wie lange? Dazu möchte ich zwei Indizienketten heranziehen; Namen und politische Parteien. Als Atlan sich eine gefälschte Identität zulegt, wählt er nach seinem Aussehen einen skandinavischen Namen. Im Allgemeinen kann man zu jener Zeit aus dem Namen einer Romanfigur auf ihre Herkunft schließen. Einige Jahrzehnte später geht das oft nicht mehr. Woher stammt Brazo Alker? Die Traditionen halten sich aber in einigen Fällen noch Jahrhunderte. Don Redhorse ist Nachfahre nordamerikanischer Ureinwohner. Dr. Hong Kao, Mathelogiker der CREST, trägt einen chinesischen Namen und verwendet die asiatische Konvention, den Familienname zuerst zu nennen.
Bezüglich der Politik erfahren wir in Band 89 – “Guckys große Stunde” – Kurt Brand, dass sich große Gruppen im Solaren Parlament als Interessengruppen ihrer Heimatregionen empfinden und sich klar als solche benennen. Ich sehe nicht, wie sich das erklären lässt, ohne dass regionale Unterschiede der Wertvorstellungen zumindest in Teilen der Bevölkerung weiter bestehen. Daraus ergibt sich, dass sich solche Wertvorstellungen in den Romanen widerspiegeln sollten. Gibt es darüber hinaus eine gemeinsame terranische Kultur, deren Wertvorstellungen Teile der terranischen Bevölkerung widerspiegeln? Ich gehe davon aus, vermag es aber nicht mit Sicherheit zu sagen. Gibt es sie jedoch, so kann sie gerade nicht auf der Kultur und den Wertvorstellungen nur eines Erdteils gründen. Das gilt auch für Europa und den Westen im Allgemeinen.
Woraus ergeben sich Werte? Aus Geschichte und den Umständen. Waren die Jäger und Sammler, die ihre Alten zurückließen, böse, um ein extremes Beispiel zu nennen?
Auch unsere Werte, wie zum Beispiel unsere Einstellung zu politischen Fragen, ergeben sich aus den Umständen. Ohne die Atombombeneinsätze auf Hiroshima und Nagasaki wäre unter anderem die Friedensbewegung kleiner. Wie sieht es im Perryversum aus? Neben den wirtschaftlichen Verhältnissen prägen uns die Ereignisse, die sich aus politischen und militärischen Entwicklungen ergeben. Beginnen wir mit einem Überblick auf die politische Großwetterlage.
Die kosmopolitische Lage
Warum sehe ich das Ende des Robotregenten, der nun mal ja auf Arkon III in über 30 000 Lichtjahren Entfernung stand, als das Ende einer geschichtlichen Periode Terras?
Das frühe Solare Imperium stand völlig unter dem Eindruck der Bedrohung durch das Arkonidische Imperium. Dem wurde alles untergeordnet. Sogar die Auswahl der Kolonialplaneten Terras erfolgte so, dass diese Welten so weit weg waren, dass ihre Entdeckung keinen Rückschluss auf die Lage Terras erlauben würde. Die Erde versteckte sich. Was bedeutet das? Da müssen wir uns ansehen, wie sich die Erde verraten könnte.
- Raumreisen: Das Solare Imperium verfügte an seinem Beginn nur über den Transitionsüberlichtantrieb der Arkoniden. Der hat ohne zusätzliche Abschirmungen den Nachteil, dass er mit Strukturtastern über extreme Entfernungen, bis zu Tausenden von Lichtjahren, anmessbar ist. Man mag sich daran erinnern, dass die TITAN M-13 erst verlassen konnte, als ihr die GANYMED einen Strukturabsorber von der Erde brachte und es eine lange Kette von Transitionen brauchte, um die Verfolger abzuschütteln, bis sie auf Honur in Wartestellung ging. Jeder unsachgemäße Überlichtflug kann also die Erde verraten. Ferner gab die Erde einen großen Teil dieser Zeit vor, vernichtet worden zu sein. Es galt folglich zu verhindern, dass irgendwer bei einem Kontakt mit Außerirdischen als Mensch erkannt wurde. Private Raumreisen waren bis auf Ausnahmen (Vega) unmöglich.
- Hyperfunk: Hyperfunk ist anpeilbar. Alleine das Notsignal des Arkonidenkreuzers lockte die IVs, die Fantanleute, die Topsider und die Springer an. Jede Nutzung von Hyperfunk, selbst die sachgemäße, ist ein Risiko. Die Agenten der Erde funken beispielsweise in jener Zeit nicht direkt die Erde an, sondern einen weit entfernten Stützpunkt, wie wir in Band 50 – “Der Einsame der Zeit” erfahren.
- Starke Energiefreisetzungen: Im Perryversum besitzen Raumschiffe in der Regel Energieorter. In der Tat verriet die Aktivität eines Transmitters die ungefähre Position der Erde und führte letzten Endes zu ihrer Entdeckung durch die Druuf.
All diese Aktivitäten stehen aber im Zusammenhang mit der arkonidischen Hypertechnik. Die solaren Positronikfreaks, die unseren Computerfreaks gleich in der Garage ihrer Eltern mit Hypertechnik herumspielten, gab es nicht.
Wir sehen das auch. Was macht Atlan, als er frisch aufgeweckt an ein Raumschiff oder einen Hypersender herankommen will? Zieht er nach Terrania und bewirbt sich bei Raumfahrttechnikunternehmen? Nein. Um nach Terrania zu ziehen, braucht er eine amtliche Genehmigung, wird vom Inlandsgeheimdienst durchleuchtet und bewirbt sich bei der Regierung. Das Solare Imperium ist nach unseren heutigen Maßstäben ein Polizeistaat. Man kann das bedauern, aber wenn es ums Überleben geht, tue ich, wie die meisten Menschen, was nötig ist. Das Solare Imperium hat einen vernünftigen Grund, so zu handeln.
Band 88 – “Der Fall Kolumbus” – K.H. Scheer ist ähnlich aufschlussreich. Die Handelsraumfahrer sind Veteranen der Flotte. Jemand anderem will man die Positionsdaten der Erde oder einen Hypersender nicht anvertrauen.
Das wirkt lange nach. Lesen wir Band 101 – “Der Weltraum-Tramp” – Clark Darlton. Darin bekommt ein privater Kapitän einfach so, ohne Nachfrage seinerseits, eine „Aufforderung“ vonseiten des Militärs, sich zur Umschulung auf Linearantrieb einzufinden. Die Regierung wusste folglich, dass dieser Bürger ein Raumschiff kommandierte. Nur war es aber nicht so, dass einfach nur der Beruf jedes Bürgers den Behörden bekannt ist, wie bei uns im Grunde auch, oder es ein Zentralregister der Raumfahrer gibt, so wie die Behörden der meisten westlichen Länder eine Liste der Inhaber eines Pilotenscheines haben. Dieser Kommandant wurde wegen seiner persönlichen Eignung kontaktiert. Offenkundig bedeutet dies, dass die Regierung Einzelheiten über die Eignung und Eigenschaften eines Privatmannes speicherte. Noch dazu war für die Umschulung von Privatpersonen ein Oberst der Solaren Flotte zuständig. Es gab keine klare Trennung zwischen zivilen und militärischen Behörden. Niemand beschwert sich, jedenfalls nicht darüber. Das Solare Imperium ist eben nicht, was man heute eine „postheroische Gesellschaft“, in der Opferbereitschaft und Heldenmut nicht mehr zu den förderungswürdigen Tugenden zählen, nennt. Ganz im Gegenteil; für die galaktische Position der Erde lohnte es sich zu sterben. Das lässt sich eben nicht einfach auf die Rückständigkeit der Entstehungszeit der Hefte zurückführen. Auch 1962 brauchte man keine staatliche Genehmigung, um umziehen zu dürfen. Es folgt logisch aus den Sicherheitsbedürfnissen der Erde.

Das Militär
War das Solare Imperium ein Hort üblen Militarismus? Nein, nicht im üblichen Sinne jedenfalls. Die galaktische Position der Erde war die wichtigste Geheimsache. Jemandem, der ein Grund hat, einen Groll gegen den Staat zu hegen, würde ich ihre Geheimhaltungen nicht guten Gewissens überlassen. Dies legt den Schluss nahe, dass alle Flottenangehörigen jener Zeit Freiwillige gewesen sein müssen.
Rein zahlenmäßig muss die Flotte übrigens sehr klein gewesen sein. Noch zur Zeit von Band 88 – “Der Fall Kolumbus” – K.H. Scheer braucht die Erde Hilfe, um 5000 Kriegsschiffe der Druuf abzuwehren. Die Solare Flotte hatte 2044 nach den Angaben in Band 89 – “Guckys große Stunde” – Kurt Brand 4700 Schiffe. Davon waren nur acht Superschlachtschiffe. Setzen wir eine durchschnittliche Mannschaftsstärke von 100 Mann an und berücksichtigen nochmal so viel Bodenpersonal, erreichen wir eine Gesamtstärke von ungefähr einer Million. Heute belaufen sich die Mannschaftsstärke des Militärs in Westeuropa auf ungefähr 0,1% bis 0,5% der Bevölkerung. Nach diesen Maßstäben hätte eine vereinte Erde heute Streitkräfte einer Mannschaftsstärke zwischen 8 Millionen und 40 Millionen Menschen.
Aber die Soldaten sind die Elite der Menschheit. Will man andere Welten (außer Ferrol) sehen, muss man in die Flotte eintreten. Spitzentechnologie – Flotte. Kosmobiologie – Flotte. Und so weiter.
Arno Kalup forschte ganz selbstverständlich nicht an einer Universität oder der Forschungsabteilung eines Triebwerkherstellers, sondern im Experimentalkommando der Solaren Flotte.
Das Militär hatte einen zentralen Platz im Gemeinschaftsleben und war aus vielen Bereichen nicht wegzudenken.
Fazit
Das Solare Imperium war ein politisches Gebilde, wie man es heute nicht wirklich findet: Ein Polizeistaat mit freier Presse. Dasselbe gilt meiner Meinung nach aus den Gründen, die ich hoffentlich erklärt habe, auch für seine Bürger. Man sollte nicht erwarten, dass sie sich in manchen Situationen wie heutige Menschen aus irgendeinem Teil der Welt verhalten.
Hätte man dies von den Autoren erwarten sollen? Ich meine: Nein. Gerade die Autoren der 1950er, 1960er und 1970er in der SF wagten wildeste Experimente in Hinblick auf Regierungsformen und Wertvorstellungen. Dies sieht man in “Franchise” (Asimov), wo ein Computer die Regierungsentscheidungen berechnete. “Tunnel in the Sky” und “Starship Troopers” (Heinlein) sind geradezu philosophische Werke über Regierungsformen. Heinlein entwickelte sogar eine eigene politische Philosophie. Dune (Herbert) hat eine Rückentwicklung in den Feudalismus und unterschiedliche Kulturen mit unterschiedlichsten Wertvorstellungen. “Imperial Earth” (Clarke) zeigt einen Alleinherrscher, der sich immer weiter kloniert. Auch hyperliberale Gesellschaftsentwürfe finden sich (Lee Killough). Selbst über den Einfluss weitverbreiteter Paragaben auf die Lebensweise wurde spekuliert (Zimmer-Bradley). Jene Zeit hatte eine ungeheure Vorstellungskraft und keine Berührungsängste zu Regierungsformen jenseits der Demokratie oder jenseits westlicher Wertvorstellungen (heutiger und damaliger). Warum sollte dies bei den frühen PR-Autoren anders gewesen sein?
Ich will damit nicht sagen, dass sie nicht manchmal Opfer ihrer Gegenwart wurden. Humanoide, voll handlungsfähige Roboter einerseits und Lochkarten andererseits sind ein klares Beispiel. Aber eben oft auch nicht.
11 Kommentare
Kommentieren →Danke sehr schön geschrieben und erklärt
Vielen Dank für die Zusammenfassung
Sehr schöner Artikel! Hat mich glatt selbst zu ein, zwei Sätzen inspiriert: https://www.nerdlicht.net/2024/04/perry-rhodan-fangeplauder.html
Ich sehe wir haben einen Nerv getroffen 😅
Definitiv! Ich finde gerade die Frühzeit der Serienhandlung extrem spannend. Vielleicht, weil wir selbst uns gerade in dieser Zeitspanne zwischen den Heften 49 und 50 bewegen. Diese Phase mit dem heutigen Wissen zu beurteilen und zu beschreiben ist für mich sehr reizvoll. Daher mochte ich Eschbachs Buch auch so gerne. Für die Galakto-City-Reihe und die entsprechenden Passagen in der Wega-Miniserie gilt dasselbe.
Wir haben natürlich das Problem, dass wir letzten Endes nicht wissen, welche Eigenschaften der Welt heute wahrscheinliche Ergebnisse der technischen und wirtschaftlichen Verhältnisse und welche Zufall sind.
Deswegen habe ich mich bemüht Abweichungen zu den Zeitverhältnissen zu finden.
Dass die Autoren grundsätzlich versucht haben die Zukunft vorherzusagen, muss man hingegen als bewiesen ansehen. Immerhin spielte PR aus ihrer Sicht mindestens 10 Jahre in der Zukunft. 1961 gab es keine Asiatische Föderation und niemand flog in Raketenklippern.
Und sie dachten auch daran kulturelle Veränderungen einfließen zu lassen. In Band 100 finden wir prompt auch neuartige Namen und es gibt private Raumfahrtgesellschaften.
Was hingegen die Regierungsform angeht, keine Angst, da wird noch was kommen.
Alles geschenkt. Ich verstehe nur nicht ganz, wieso Du – falls das wirklich Deine These ist – die Autoren dabei vom Haken lassen willst. Denn auch die handlungsinternen Voraussetzungen und ihre „Zukunftsvisionen“ entspringen nun mal ihrem Welt- und Menschenbild der 50er Jahre (und davor). Allein für die literarischen und kulturhistorischen Vorlagen hat Hartmut Kasper das bereits vor Jahrzehnten ganz wunderbar ausgearbeitet.
Ich halte es wie gesagt für vollkommen legitim, eine Perspektive aus der inneren Handlungslogik einzunehmen. Mache ich auch oft und gern. Aber wenn man die Entstehung der Texte in die Gedanken einbezieht, muss man sie historisch einordnen. Das Frauenbild der Jungs damals war gelinde gesagt speziell – und aus ihrer Sicht existierte die Demokratie gerade einmal zehn Jahre, als sie sich Perry Rhodan ausgedacht haben. Das meine ich im übrigen vollkommen wertfrei. Ich liebe die alten Texte aus dieser Zeit und halte auch nichts von den zeitgenössischen Vorwürfen.
Unabhängig davon finde ich Deine Gedanken jedoch extrem spannend und freue mich sehr auf zahlreiche Fortsetzungen.
OK, Ich denke ich habe mich nicht klar ausgedrückt. Mir kam es im Podcast so vor, als würde man die Autoren dafür kritisieren, dass sie die Wertvorstellungen ihrer Zeit einfach fortdauern lassen Das ist etwas anderes, als zu sagen, dass sie eine Zukunftsvision aus dem Welt- und Menschenbild der 50er Jahre entwickelten. Letzteres taten sie, weil es unvermeidlich ist. Ersteres hingegen wäre schlechte SF.
Zweitens müssen wir uns, wenn wir wertfrei bleiben wollen, selber fragen, ob wir nicht die Wertvorstellungen, das Weltbild und das Menschenbild unserer Zeit einfach weiter zu gelten annehmen, wenn wir über etwas, was aus unserer Sicht immer noch Jahrzehnte in der Zukunft liegt, sprechen.
Deswegen müssen wir uns natürlich fragen, welcher Teil unserer Vorstellungen heute wahrscheinlich (also aus Geschichte, Technik und Wirtschaft ableitbar) und welcher Teil sich sozusagen nach der Chaostheorie ergab. Letzteren kann es im Perryversum nicht geben. Ein außerirdisches Raumschiff ist ein richtig großer Schmetterling.
Bei ersterem muss man sich fragen, ob denn die Ableitung unter den Voraussetzungen des Perryversums auch so erfolgten.
Darauf habe ich eine Teilantwort zu geben versucht. Und sie war negativ. Genau deswegen habe ich so ausführlich über den Stellenwert des Militärs geschrieben. Das erinnert an das 19. und frühe 20. Jahrhundert angloamerikanischer Länder, nicht an das späte 20. und frühe 21. Jahrhundert. Dass sich dementsprechend das Menschenbild und Wertvorstellungen nicht unterscheiden, erscheint mir unwahrscheinlich.
Nicht geschrieben habe ich über die Ereignisse, die unser Menschenbild und Wertvorstellungen prägen, aber im Perryversum weggefallen sind. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass der Blogbeitrag lang genug ist.
Aber wenn wir schon mal dabei sind.
1. Es gab im Perryversum keinen Vietnamkrieg, soweit wir wissen. So sehr das ethisch auch zu begrüßen ist, hat es riesige kulturelle Folgen. Jimmy Hendrix hat seine Gitarre nie auf die amerikanische Nationalhymne losgelassen und CCR haben nie „Fortunate Son“ gesungen. „Rambo“ ist nie gedreht worden. Kim Wilde sang nie „Cambodia“. Kriege zerstören oft alte Wertvorstellungen. Keine Pentagonpapers. Kein Watergate.
2. Im Perryversum gab es keinen sauren Regen oder Waldsterben. Die haben Fusionsreaktoren und Verbrennungsmotoren sind Museumsstücke. Grüne Parteien dürfte es nie gegeben haben.
3. Den in den 1970ern einsetzenden Technikpessimismus kann es nicht gegeben haben. „Die Grenzen des Wachstums“ ist nie geschrieben worden. Flapsig gesagt würde man auf die Frage, ob man eine zweite Erde im Kofferraum habe, antworten: Nun, sie ist im Laderaum unserer Raumschiffe, aber grundsätzlich – ja, habe ich
Außerdem sagtest Du noch etwas über Regierungen und Rhodans ewiges Administratorentum.
Dabei fehlte mir ein ganz grundlegender Faktor. Die Terraner haben Großpositroniken und zumindest einen Großteil des arkonidischen Wissens in den Speichern der Stardust II und Titan und was man im Großen Imperium kaufen kann. Das hat Folgen. Positroniken sind in der Lage komplexe Fragestellungen über das Verhalten von Gruppen zu beantworten. Wenn eine solare Regierung die Venuspositronik oder später NATHAN fragt, wie sie wiedergewählt werde, kriegt sie Antworten, die funktionieren.
Noch schlimmer, die Opposition weiß das. Ich gehe davon aus, dass es im Solaren Imperium einfach weitaus weniger Politik gab als bei uns.
Generell plädiere ich dafür, bei Perry Rhodan die sprichwörtliche Kirche in Sachen „Zukunftsvision“ – vor allem gesellschaftlich – im Dorf zu lassen. Ja, für Scheer soll die Serie auch die Chronik der zukünftigen Menschheit sein – aber primär ist sie ein Pulp-See-Abenteuer des 19. Jahrhunderts, das schlicht in den Weltraum versetzt wurde. Das ist ausdrücklich nicht als Vorwurf gemeint, denn genau das lieben wir seit Jahrzehnten an PR. Aber entsprechend ist der Titelheld halt ein Napoleon, der das Schicksal der Welt einfach selbst in die Hand nimmt. (Den Vergleich habe ich aus der letzten SOL geklaut. Ich habe den Artikel dazu zwar noch nicht gelesen, finde ihn aber auch so schon sehr passend.) Daran ist ja nun gar nichts visionär – auch nicht für die 50er Jahre.
Aber wie gesagt: das ist nicht schlimm. Und auch der kleine Roli war in den 80ern von der Idee der vereinten Menschheit fasziniert. Darüber hinaus war es aber nie der Anspruch der Serie, gesellschaftspolitische Entwicklungen zu antizipieren. Tatsächlich finde ich sie auch heute noch am schwächsten, wenn sie versucht, Gesellschaft zu beschreiben.
Ich bleibe also dabei: Viele der alten Texte müssen bei heutiger Lektüre historisch eingeordnet werden. Als Fantheoretiker:innen und Fanautor:innen können und sollen wir aber gern fabulieren, wie das alles nach innerer Logik aufgehen könnte. Und aus dieser Perspektive finde ich viele Deiner Gedanken sehr reizvoll.
Nur das mit dem Vietnamkrieg stimmt nicht ganz. In späteren Romanen wird erklärt, dass Rhodan dort sogar gedient hat. 😉
Das deckt sich geradezu exakt mit meiner Perrymandering-Fantheorie.