Ich bin gelegentlicher Krimileser. Also, so alle drei Jahre lese ich mal einen Krimi. 

Zuletzt fiel meine Wahl auf Håkan Nesser, einen Vielschreiber aus Schweden, von dem ich 2020 ein Interview auf der Frankfurter Buchmesse gesehen hatte (digital). Ich fand ihn sehr interessant. Vor allem war er sehr selbstsicher und beantwortete alle Fragen, die Schriftsteller hassen (Woher haben Sie Ihre Ideen?, Wie sind Sie nur darauf gekommen?, Macht es Ihnen Spaß, Leute zu ermorden?) mit einer Art nonchalantem Witz, der ihn mir auf Anhieb sympathisch machte. 

Die Auswahl, welches Buch ich denn nun lesen sollte, gestaltete sich schon schwieriger. Nesser hat über 30 Bücher geschrieben, darunter eine Reihe um den Kommissar Van Veeteren, eine zweite um Gunnar Barbarotti, die läuft seit 2006. Eine Zeitlang hatte ich den Einzelroman Himmel über London im Auge, aber da waren die Kritiken sehr schlecht (verworren, langweilig, zu lang). Nach längerem Hin und Her entschied ich mich für den ersten Teil der Barbarotti-Reihe mit dem schönen Titel Mensch ohne Hund (auf schwedisch Människa utan hund, människa bedeutet Mensch, Person). 

Tja, was soll ich sagen: Es war grauenhaft. Der Anfang las sich noch recht interessant, eine Frau wacht auf, hat einen seltsamen Traum, in dem ihr ein Vogel empfiehlt, entweder sich selbst oder ihren Ehemann umzubringen. Rosemarie ist in den 60ern, frisch pensionierte Lehrerin und man versteht den Traum recht fix, denn der Mann ist ein nervtötender Idiot, der emotional komplett von seiner Umgebung abgetrennt zu sein scheint, ja, er nimmt nicht einmal wahr, wie es anderen um ihn herum geht. Rosemarie ist folglich unglücklich und war das auch schon immer, aber sie ist zu schwach, sich das einzugestehen oder gar die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Es folgt eine Aneinanderreihung von immer deprimierender werdenden Details aus dem Leben dieses hoffnungslos verlebten Paares. 

Und das ist in der Tat auch die Stärke von Nesser, Menschen und ihre Lebensumstände so nah zu schildern, dass man sie in all ihrer Komplexität und Differenziertheit verstehen kann. Er lotet aus, was diese Menschen bewegt und was sie denken, und das ist lesenswert. Es wird nie gesagt, dass Rosemarie ihren Mann nicht leiden kann oder dass sie ihn nur geheiratet hat, weil sie nicht nein sagen konnte. Es wird umschrieben, in Anekdoten deutlich und vor allem erlebt man es über die genauso verkorksten Kinder des Paares, die zu Beginn des Romans ins fiktive Kymlinge (bei Göteborg, also irgendwo in Westschweden) kommen, um die Geburtstage des Pappas und der ältesten Tochter zu feiern. Aufgrund eines hochnotpeinlichen Fernsehvergehens des jüngeren Sohnes (wer es wissen will, er hat in der fiktiven Version vom Dschungelcamp vor der Kamera onaniert), findet diese Feier im kleinen Kreis statt und nicht als das Riesenevent mit hundert Gästen, als das sie ursprünglich geplant war.

Und im Rahmen dieser Feier – bei der sich wirklich keines der Familienmitglieder für die anderen zu interessieren zu scheint, bis auf eins und das endet tragisch – kommt es dann nach und nach zu zwei Tragödien: Es verschwinden zwei Personen (ich schreibe hier mal nicht wer, falls sich doch jemand entschließen sollte, den Roman zu lesen), und irgendwann kann keines der Familienmitglieder das noch länger ignorieren und man ruft die Polizei.

Gunnar Barbarotti tritt auf den Plan, etwa bei einem Drittel des Buches, und nach einer ausführlichen Autorenerläuterung zu Werdegang und persönlichen Hintergrund, beginnt er dann auch zu ermitteln, nicht ohne sich ewig und drei Tage über diesen wahrhaft seltsamen Fall zu wundern. Ich kann das ja nicht leiden, wenn eine neue Figur auftaucht (über die Tatsache, dass der namensgebende Kommissar erst bei Seite 300 von 500 die Szene betritt, wollen wir mal gar nicht reden), und dann erst mal seitenweise über die erzählt wird, als führte der Autor ein Puppentheater auf. Das hier ist der Kaspar und er war schon immer ein Schelm. Er trägt auch gerne seine Zipfelmütze, weil er eigentlich nicht ganz richtig im Kopf ist, usw., usf. Ich will die Menschen entdecken, sie erleben, wie sie wirklich sind, und kein Mensch erzählt als erstes von den Problemen im Elternhaus oder von der gerade erfolgten Scheidung. 

Nun gut, bis zu diesem Zeitpunkt gibt es bereits vier Perspektivträger (alle aus der Familie), einer mehr schadet auch nicht. Nur entwickelt sich die Story von hier an zunehmend seltsam (um es milde auszudrücken). Der Kommissar, durchaus sympathisch, bemüht um Hilfe und ein sehr rührender Vater, trägt bis zum Schluss nichts (abgesehen von einem zufälligen Treffer etwa bei Seite 400), also wirklich nichts zur Lösung des Falles bei. Es werden immer mehr Perspektiven, allerdings blendet der Autor immer genau dann aus, wenn es interessant wird (will heißen, wenn etwas passiert, was das Verbrechen aufklären würde). Als Leser fühlt man sich zunehmend herumgeschubst, als zeige der Autor einem immer nur die saftigen Stücke, und wenn man genauer hinschauen will, zieht er sie weg. Und lacht dabei. 

Wozu in die Köpfe unterschiedlicher Personen wechseln und dann das, was interessant ist, nicht erzählen? Man will unbedingt wissen, was als nächstes passiert, was das für die Verschwundenen bedeutet bzw. für die Theorie, die man seit Seite 200 hat (und die sich am Ende als korrekt herausstellt), aber der Autor setzt auf künstliche Spannungserzeugung mittels Verschweigen. Etwa in der Mitte des Romans wird die Theorie (es war in der Tat nur eine) dann über den Haufen geworfen – wen wunderts, durch eine weitere Perspektive, die nie wieder aufgenommen wird, die also nur dafür da ist, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen. Dann folgen 200 Seiten Langeweile, auf denen ausführlich die Folgen des bzw. der Verbrechen auf die Familienmitglieder gezeigt werden (das zumindest kann er), auch wenn Rosemarie und ihr Allerliebster komplett von der Bildfläche verschwinden und man nie erfährt, ob sie ihn nun vielleicht doch umbringt oder wenn nicht, warum nicht (gerechtigkeitshalber sei hinzugefügt, dass Rosemarie ganz am Ende des Buches noch mal eine Szene hat, allerdings eine sehr kurze, die auch nur zur Vergabe einer Information da ist, die mit Rosemarie nichts zu tun hat).

Wenn der Autor sich hier auf eine, maximal zwei Perspektiven beschränkt hätte, beispielsweise eines der Familienmitglieder (eines ist sehr prominent an der Lösung  beteiligt) und den Kommissar, und dann aus dieser Sicht den Verfall der anderen Familienmitglieder gezeigt hätte, und zwar konsequent nur aus dieser einen Perspektive, das wäre gar spannend gewesen. Was bedeutet es, wenn jemand verschwindet? Was, wenn man nicht weiß, ob der geliebte Angehörige tot ist oder vielleicht doch nicht? Was macht das mit den Menschen? Es blitzt hier und dort auf, wie gesagt, psychologische Beschreibungen sind Nessers Stärke, aber so richtig mitgerissen wird man nicht, weil man den Figuren nie so richtig nahe kommt, es sind einfach zu viele. Folglich will am eigentlich nur noch wissen, was passiert ist. Herr Gott noch mal, wenn er einfach auf Seite 100 ein winziges bisschen weitererzählt hätte, es gäbe gar kein Rätsel. 

Gegen Ende, kurz nachdem Barbarotti dann die entscheidende Information bekommen hat, rein zufällig und im betrunkenen Zustand, wechselt erneut die Perspektive und die Theorie, die man sich am Anfang zurechtgelegt hat, stellt sich als richtig heraus. Eigentlich war es die ganze Zeit klar, nur diese einzelne Szene in der Mitte, aus der Sicht eines möglichen Täters, dessen Beweggründe auch nie gezeigt oder erklärt werden, schien es so, als wäre es vielleicht doch anders. Das nenne ich gezielte Lesertäuschung, abgesehen davon, dass es für einen Krimi nicht besonders gut ist, wenn man die ganze Zeit weiß, was passiert ist.

Dann das Finale, dessen Spannung ausschließlich darauf beruht, dass der Autor an den entscheidenden Stellen abblendet (kennen wir ja nun schon) und dabei macht er auch noch einen richtig fiesen Fehler und Barbarotti ist zwar vor Ort, trägt aber rein gar nichts zur Lösung bei (kennen wir auch schon). 

Keine Ahnung, wer das beim Verlag durchgewunken hat. Dazu ist die Sprache nervtötend hochgestochen, das Tempus wechselt ohne ersichtlichen Grund und in der deutschen Übersetzung sind Unmengen Übersetzungsfehler und künstliche Spannungsverstärker drin, die das Lesen unglaublich holprig machen. Ich habe nachgeguckt, in der schwedischen Ausgabe ist es nicht halb so schlimm (aber auch nicht ganz frei). 

Kurz: Keine Leseempfehlung, selten so einen schlechten Krimi gelesen. Wer Schwedenkrimis lesen möchte, dem empfehle ich Camilla Läckberg, wenn man es eher cosy mag, Åke Edwarson, wenn man auf den gebrochenen Kommissar steht, oder Henning Mankell für alle, die einen starken Magen haben.