Nach dem Zyklus Arkons dunkle Zeit startet die neue Staffel Leticron mit NEO-Band 270. Sie wird wie üblich zehn Ausgaben umfassen und hatte im März 2022 mit Band 274 Halbzeit. Die ersten fünf NEOs der Staffel wurden alle von unterschiedlichen Autoren verfasst: die beiden „Expokraten“ Rüdiger Schäfer und Rainer Schorm sowie Lucy Guth, Ruben Wickenhäuser und Oliver Plaschka. Speziell der Staffelauftakt von Plaschka war für mich eine besondere Freude, da ich den Autor sehr schätze und er einige Zeit aus dem NEOversum verschwunden war.

Mit Leticron landen wir endlich wieder in der Seriengegenwart, was in diesem Fall einen doppelten Zeitsprung bedeutet, denn das Raumschiff SOL „verliert“ auf dem Rückweg ein paar Jahre und landet im Jahr 2107.  

Eine kurze Zusammenfassung

Die SOL ist also zurück in ihrer Gegenwart, auch wenn sie ein paar Jahre übersprungen hat. Diese Jahre ändern jedoch nichts an der Herrschaft der Überschweren, die die Solare Union und offenbar auch das Große Imperium der Arkoniden nach wie vor fest im Griff haben.

Perry Rhodan trifft allerdings auf neue Fraktionen, wie zum Beispiel die Vitalier unter der Führung eines Mannes, der sich Klaus Störtebecker nennt. Mit Hilfe dieser Gruppierung gelingt es Rhodan bis zum Mars vorzustoßen, um mit Reginald Bull zu sprechen und ihm Hoffnung zu geben. Bull muss seit Jahren gute Miene zum bösen Spiel machen und – zumindest nach außen hin – im Sinne der Überschweren agieren, um die Menschheit zu schützen.

Die SOL hat jedoch ein klitzekleines Mobilitätsproblem. Durch den Zeitsprung sind die meisten Hyperkristalle ausgebrannt und müssen ersetzt werden. Den Versuch dazu unternimmt Perry Rhodan mit einem Einsatzkommando zum Olymp, erneut mit Hilfe der Vitalier. Rhodan gerät jedoch in eine Falle des Geminga-Kartells und entkommt nur knapp mit der Unterstützung des neuen Kaisers von Olymp Kaver i Bakama, der ihm anschließend auch eine geringe Menge Hyperkristalle überlässt, die der SOL zumindest etwas Bewegungsfreiheit ermöglichen. 

Nach einer von Reginald Bull übermittelten Information, dass im Wega-System eine Hyperkristallaufbereitungsanlage betrieben wird, steht das nächste Ziel fest. Die beinahe wie Sklaven behandelten Ferronen und eine Gruppe Kriegsgefangener von Topsid wurden gezwungen, sich auf dem unwirtlichen Planeten Carpa anzusiedeln. Es stellt sich heraus, dass in der Nähe der Siedlung ein großes Vorkommen von Geminga-Drusen existiert. Als die Terraner um Rhodan dieses Vorkommen bergen wollen, geraten sie erneut in eine Falle. Dieses Mal ist der Überschwere Leticron persönlich vor Ort und schafft es beinahe, Perry Rhodan zu töten. Erst im letzten Moment und durch großes Glück können Rhodan und sein Einsatzteam sich retten und auch noch die Kristalle erbeuten. Leticron bleibt nach dem Kampf durch den übermäßigen Einsatz von Aufputschmitteln geschädigt zurück.

Nach dem erfolgreichen Kommandounternehmen wird ein schneller Erkunder nach M3 geschickt, um nach der verschollenen Erde zu sehen. Mit von der Partie sind Sofgart und seine Atorakte. Dabei wird der Raumer von Überschweren verfolgt, die letztlich zwar das Akonsystem mit Terra entdecken, jedoch vernichtet werden, bevor sie ihre Artgenossen in der Milchstraße darüber informieren können. Sofgart gelingt es unterdessen mithilfe der Atorakte, den sogenannten Mahlstrom zu beruhigen, eine Art Schlund, der Erde und Mond zu verschlingen droht.

Die Handlung blendet anschließend in die Vergangenheit zurück und wir begleiten Alaska Saedelaeres auf seinem Weg durch die Zeiten zurück in die Gegenwart. Dabei setzt sich ein Atorakt in seinem Gesicht fest, was bewirkt, dass sein Anblick Lebewesen wahnsinnig macht und letztlich tötet. Das ist nur mit einer Plastikmaske zu verhindern, die er nun dauerhaft tragen muss. Verbittert durch den Tod seiner, in der fernen Vergangenheit gefundenen, großen Liebe schließt er sich nach Hinweisen von der katzenartigen Schwester der Tiefe Dao-Lin H’ay Leticron an und verbringt Jahrtausende in Kryostase.

Das Leseerlebnis

Ich möchte es kurz machen: Diese fünf Bände waren meiner Meinung nach Perry Rhodan NEO at its best! Die Handlung ist nach quantentheoretischen Purzelbäumen, Neutern und Zeitreisen wieder in handfesten Gefilden angekommen. NEO macht jetzt das, was NEO seit jeher auszeichnet: mit sehr guter, bodenständiger Science-Fiction, guten Handlungssträngen und toller Charakterentwicklung unterhalten.

Die Überschweren haben eine autoritäre Herrschaft aufgebaut, wüten aber gar nicht so sehr unter den Terranern, sondern behandeln sie einigermaßen anständig. Trotzdem ist ganz klar, wer der Antagonist ist und warum es ihn zu besiegen gilt: Leticron als Spitze der gegnerischen Streitmacht ist dabei ein sehr vielschichtiger und toller Charakter, den ich als „Oberbösewicht“ absolut großartig finde. Er erinnert mich ein kleines bisschen an Negan aus The Walking Dead. Speziell mit Band 274 Alaskas Odyssee hat er noch mal deutlich mehr Tiefe bekommen.

Band 273 war für mich – auf diesem insgesamt hohen Niveau – etwas schwächer als der Rest, was daran lag, dass vieles sehr vorhersehbar war und letztlich nur wenig passierte. Die größte Erkenntnis dabei war, dass am Ende in Verbindung mit Dao-Lin H‘ay und den Atorakten auf Alaska Saedelaere und seinen Herzschlag verwiesen wird, der den Takt des Mahlstroms vorgibt. Allerdings hatte das den Nachteil, dass für den Folgeband einigermaßen klar war, wohin die Reise gehen wird. Trotzdem war ich auch hier gut unterhalten.

Meine Erwartungen für Band 274 waren hoch, der Titel Alaskas Odyssee deutete ja schon an, was auf mich zukam. Ich wurde nicht komplett enttäuscht, aber die Handlung war mir letztlich zu vorhersehbar, die Wendung mit dem Atorakt hatte ich schon eine Weile im Kopf, bevor sie dann kam, und auch Alaskas Zusammenschluss mit Leticron war auf die eine oder andere Weise abzusehen. 

Der Roman war nicht schlecht und Rüdiger Schäfer schafft es wie immer, einer einzelnen Figur sehr viel Tiefe zu geben, aber aus irgendeinem Grund hat er mich dieses Mal nicht so abgeholt, wie er es sonst stets geschafft hat. Ich vermute tatsächlich, dass es – nach Band 270 bis 273 – an meiner massiven Vorfreude und der (zu) hohen Erwartungshaltung lag.

Licht und Schatten der (Halb-)Staffel

Viel Schatten kann ich beim besten Willen nicht finden. Ich wurde über fünf Bände bestens unterhalten, die Haupthandlung ist stringent und gut aufgebaut. Es gibt ausreichend spannende Handlungsstränge und Konfliktfelder sowie neben den bekannten Figuren neue, faszinierende Personen, die umgehend Lust auf mehr machen. Beispiele dafür wären der neue Kaiser von Olymp Kaver i Bakama oder der Anführer der Vitalier Klaus Störtebecker, die beide ganz bestimmt noch für die eine oder andere Überraschung sorgen werden.

Letztlich kann ich nur an einem Punkt „herummäkeln“: In drei von fünf Bänden empfand ich Teile der Handlung als zu vorhersehbar. Neben Alaskas Odyssee und Der Mahlstrom von Rainer Schorm zählt dazu auch Undercover auf Olymp von Lucy Guth. Jedoch hat das in keinem der Romane dazu geführt, dass ich weniger Spaß am Lesen hatte.

Als Fazit möchte ich eigentlich nur festhalten, dass ich hoffe, dass der zweite Teil der Staffel das hohe Niveau halten und mich genauso gut unterhalten wird, wie es der erste Teil getan hat. Ich bin außerdem gespannt, ob jemand hinter den Überschweren steht und die Fäden zieht. Vermutungen und Spekulationen stelle ich aber in diesem Falle im stillen Kämmerlein an.