Der Troll ist ein Klassiker des Finnish weird, eines speziellen Literaturgenres, das sich Sinisalo für die Frankfurter Buchmesse 2014 ausgedacht hat. Die Finnougristik der Uni Göttingen schreibt: 

Finnish weird verbindet den traditionellen finnischen Realismus mit Elementen aus der Science-Fiction- und Fantasyliteratur. Es ist magischer Realismus mit Schnee, Dunkelheit, Melancholie und ewigen Wäldern, aber auch Realfantasy oder spekulative Fiktion mit finnischer Folklore und Themen aus der Mythologie.

Quelle

Zum traditionellen finnischen Realismus kann ich Alexis Kivi und Frans Eemil Sillanpää (ja, der Name wird wirklich so geschrieben) empfehlen (oder auch nicht), da wird die eigene Not oder die anderer bis zum Exzess ausgebreitet. Man soll ja schließlich das Wesen der Finnen begreifen, ihre Not, und dass Menschen einander die Welt zur Hölle machen. 

Ja gut, schauen wir mal auf den deutschen Klappentext des Trolls:

Der junge Werbefotograf Angel rettet ein hilfloses Fellbündel vor einer Gruppe brutaler Jugendlicher und nimmt es mit nach Hause. Doch es ist kein Tier – es ist ein junger Troll. Schon am nächsten Morgen wird Angel klar, dass er sich ein Stück Wildnis in die Wohnung geholt hat: Der Troll ist unberechenbar, unendlich faszinierend – und gefährlich, wenn man falsch mit ihm umgeht.

Erzählt wird in sehr kurzen Kapiteln, alle in der 1. Person von verschiedenen Figuren, die in Angels Trollrettung verwickelt werden. Die Figuren neigen in Stereotype, um es höflich auszudrücken. Die Story ist eher banal und auch nicht sehr lang, wird aber ständig von Zitaten aus Büchern, Lexika und Internetseiten zu Wesen und Herkunft des Trolls unterbrochen, von denen man als Nichtfinne nie so richtig weiß, ob sie real oder ausgedacht sind (der Rezensent der Süddeutschen hat das dann auch mal nachgeprüft). Das ist eine seltsame Erzählhaltung, die Autorin lässt sich nie ganz ein auf ihre Figuren und ihre Geschichte, es ist, als erzähle sie eine nette Episode, um ein wissenschaftliches Faktum besser zu illustrieren. Die Zitate blähen auf und reißen aus der Spannung (genauso wie die vielen Ich-Erzähler). Die Figuren nerven mit der Zeit und die … äh sexuelle Anziehung des Trolls ist gewöhnungsbedürftig. 

Ja, ja, richtig gelesen. Der Troll sondert einen Geruch ab, der in Angels glänzender, oberflächlicher Werbewelt eher unvorhergesehene Auswirkungen hat. Die deutschen Leser können das so gar nicht einsortieren, „Letztlich kreist alles um diese grenzwertige Nähe zu Pädophilie und Sodomie“ ist doch nett, einer findet „den Teil mit der sexuellen Anziehung äußerst unbequem“, und kann „ihn auch nicht wirklich einordnen“ (alles Zitate aus Amazon-Bewertungen). Dabei wird die Liebesbeziehung überbewertet, was sicher auch am deutschen Titel liegen dürfte (der finnische Ennen päivänlaskua ei voi wäre grob übersetzt „Vor dem Sonnenuntergang“, was in der englischen Ausgabe auch übernommen wurde).  Das Buch beginnt mit einem Date, das nicht in Angels Sinne verläuft. Frustriert und unglücklich verliebt kommt er nach Hause und rettet einen Jungen, der von Jugendlichen zusammengeschlagen wird. Erst danach wird ihm klar, dass der Junge kein Mensch, sondern ein Trolljunges ist:

Es ist das Schönste, was ich je gesehen habe. Ich spüre sofort, dass ich es will.

Diese Aussage ist sexuell konnotiert, und zwar deshalb, weil direkt davor das – sexuell aufgeladene – Date geschildert wurde. Hätte Angel davor einen Waldspaziergang gemacht oder mit Kindern gespielt, wirkte diese Aussage ganz anders. Man denke an das seltsame Verhalten von erwachsenen Menschen, wenn sie ein niedliches Tier zu Gesicht bekommen.

Die Schilderung der Anziehung des Trolls auf Angel in seiner Wildheit und gleichzeitigen Menschlichkeit gehört zum Besten des Buches. Das ist mitunter freimütig, hat aber nichts mit Pädophilie zu tun. Schon gar nicht mit Sodomie, ein eigenartig altmodisches Wort, das Strafbarkeit anzeigt, aus einer Zeit, in der Pädophilie als Straftat nicht existierte. Die Autorin zeigt nur die erotisierende Wirkung des Wildtiers auf Angel. Die Liebesgeschichte ist letztlich allegorisch wie so vieles in diesem Buch. Es geht um den Zusammenprall von Zivilisation und Wildnis, Angel ist ein Stadtmensch, der Troll ein Wesen der Natur, ein Geistwesen, das man nicht zu fassen bekommt, das so versteckt lebt, dass es zwar Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt wurde (im fiktiven Universum des Romans, siehe oben genannte Zitate), es aber trotzdem praktisch keinen Beweis für seine Existenz gibt: Grenzgänger zwischen Moderne (der Stadt) und Natur (mit ihren verwischenden Grenzen zwischen Realität und Geisterwelt). 

Damit ist die Fremdheit der Geschichte für den deutschen Leser allerdings noch nicht aus. Die Zitate – immerhin ein gutes Drittel des Buches, gefühlt mehr so die Hälfte – sorgen für dauerhafte Verwirrung. Ist das jetzt ein existierendes Buch? Oder hat die Autorin das erfunden? Internetseiten führen ins Leere, die Kalevala allerdings, aus der auch zitiert wird, ist ein existenter Text, wenn auch einer, der sich aus jahrhundertealtem Liedgut speist, das von einem Einzelnem nach nationalromantischen Gesichtspunkten zu einer zusammenhängenden Geschichte kompiliert wurde, die es so nie gegeben hat (Rezension folgt). Und wenn Sinisalo aus Lexika zitiert, aber Bär gegen Troll austauscht? Bären sind in der finnischen Folklore … sagen wir mal, sie kommen da schon länger vor als Trolle. Sie sind Götter. Sicher entgeht dem deutschen Leser hier so einiges, aber die Zitate wechselwirken so deutlich mit den Erlebnissen der Figuren, dass sie den Sinn des Geschehens verändern. Sie sind Exposition, sie erschaffen die Welt der Geschichte. Auch ohne Experte in finnischer Kultur zu sein, kann man also durch die Art, wie die Geschichte aufgebaut ist, einiges über finnische Kultur lernen.

Die Authentizität der Zitate ist letztlich irrelevant, das ganze Buch ist weder authentisch noch erfunden. Troll ist eine Märchengeschichte, eine moderne Fabel, deren Bedeutung sich aus der finnischen Folklore und der nicht existenten Grenze zwischen Moderne und Geisterwelt speist. Und das offene Ende, das die Verwirrung der deutschen Leser dann vollständig macht, ist eigentlich gar nicht offen. Es ist eben ein Fabelende. Es werden nicht alle Fäden zusammengeführt und nicht alle Fragen beantwortet, wie es der Genreleser erwartet. Aber es wird eine Aussage gemacht, eine, die keine klare Antwort gibt, was der Troll denn nun ist. Oder nein – das stimmt nicht. Das wird sehr wohl gesagt, aber eben auf eine Weise, die es erfordert, dass man das eigene Verhältnis zu Natur und Wildheit erforscht.

Und das ist ja genau die Art von Buch, die ich liebe. Bücher, die mich etwas lehren – und ich erwarte bei einem Werk der Belletristik nicht, dass seine Inhalte wahr sind – über die Welt und über mich selbst. Sinisalo ist eine Berühmtheit in Finnland, hat Berge an Preisen gewonnen, für die englische Übersetzung des Trolls auch den James-Tiptree-Award. Sie hat das Drehbuch zu Iron Sky geschrieben, einem Film über eine geheime Mondbasis der Nazis, auch wieder so eine Verbindung von Legende und Realität, nur eben in der Science-Fiction. Genre bedeutet Vereinfachung. Genre hegt die Wahrheit ein, weil sie so für uns einfacher zu verstehen ist. Der Topos des Fantastischen, das nur in der Wildnis zu finden ist (bekannteste Beispiele Avatar & Dune), befreit uns von der Notwendigkeit, die Wildheit in uns selbst hinterfragen zu müssen. Heutzutage ist Wildnis aber überall, überall dort, wo Menschen sind. 

Daten

Johanna Sinisalo

Troll. Eine Liebesgeschichte

2005, Tropen, ISBN  978-3-608-50074-5

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